Geständnisse eines Filmkritikers
26. August 2007 von MarkusManche Menschen gehen gern gratis ins Kino. Wieder andere freuen sich über eine kostenlose Mahlzeit. Aber wirklich alle lieben Freibier. In meinem Beruf als Filmkritiker gibt es Tage, an denen ich diese drei Dinge in einem haben kann. Heute ist wieder so ein Tag.
Ich sitze mit zwei Kollegen an der Bar eines Multiplex-Kinos. Vor mit steht ein fettiger Teller und ein halbes Bier: Mit einem großen Schluck spüle ich den letzten Bissen gut gewürzter Chicken Wings hinunter. Unterdessen sprechen meine Kritikerkollegen über Filme – worüber auch sonst. Jemand, der in einer Bank arbeitet, schwatzt sicher nicht den lieben langen Tag über Geld. Aber wir sind Filmkritiker, unsere Arbeit ist gleichzeitig unser Hobby.
Meine Kollegen sehen das sicher genauso: Beide sind leger gekleidet, ganz so als wären sie im Urlaub. Rechts neben mir lehnt der knapp vierzigjährige und leicht untersetzte Karl. Er arbeitet für ein kostenloses Filmmagazin, das in jedem Kino des Landes aufliegt. Karl muss sich um keine Interviewtermine bemühen, er bekommt alle Stars – von Johnny Depp bis Nicole Kidman. Nicht etwa, weil er gute Kontakte hätte oder ein renommierter Filmjournalist wäre – er fabriziert nun mal Werbetexte, die sich wie Kritiken lesen.
Links neben mir sitzt Michael. Er hat einen Dreitagebart, lange ungekämmte Haare und trägt ein Hawaiihemd. Ich bin gerade 22 geworden und habe das gleiche Hemd daheim im Schrank hängen. Michael ist um die 35. Seit kurzem ist er Chefredakteur eines neuen Kinomagazins, das in allen Schulen des Landes aufliegt – natürlich ist das Heft auch gratis und ohne kritisches Rückgrat.
Ich schreibe für eine Tageszeitung und zwei unabhängige Filmmagazine. Früher hätte ich mich noch moralisch überlegen gegenüber Karl und Michael gefühlt. Heute habe ich keine Wahnvorstellungen mehr, dass ein selbsternannter Kritikerpapst einer Qualitätszeitung bedeutender wäre als ein Werbetexter eines Gratisblatts. Irgendwann verschwindet bei allen Filmkritikern die Illusion, Einfluss auf die Filmwelt nehmen zu können oder von Regisseuren und Schauspielern irgendwann als Kumpel behandelt zu werden – bei manchen früher, bei anderen später.
Ich lächle bitter. Währenddessen unterhalten sich Karl und Michael immer noch über irgendeinen Blockbuster.
Karl lacht: „Was Bijou Philipps spielt da mit?“
„Ja, die ist eine ganz Wilde. Über die hab ich ein Porträt geschrieben.“
Karl grinst überlegen: „In Venedig hab ich sie leibhaftig erlebt. Die war ja in dem einen Film von Larry Clark dabei … Verdammt, wie hieß der noch?“
„KEN PARK?“, schlägt Michael vor.
Karl schüttelt den Kopf.
„BULLY.“, werfe ich mit abgewandtem Blick ein.
„Genau, BULLY war das.“ Karl fährt fort: „Jedenfalls hab ich die Bijou auf einer Party getroffen. Für mich hat das so ausgesehen, als wären dort alle drogensüchtig. Die ganze Truppe war da, auch der Brad Renfro. Der ist alle zehn Minuten verschwunden. Und die Bijou – ja, die Bijou – die hatte ein durchsichtiges Kleid an – gerade mal, dass sie einen Slip getragen hat. Und der Renfro erst! Irgendwann ist der gar nicht mehr aufgetaucht. Der war für einen halben Tag unauffindbar! Der PR-Mensch hat MICH gefragt, ob ICH ihn irgendwo gesehen habe.“
Karl bricht in schallendes Gelächter aus, Michael stimmt mit ein. Mein Blick ist gerade an der Batman-Statue in einer dunklen Ecke hängen geblieben. Ich lache nicht über Karls Geschichte. Keine Frage, Drogenexzesse sind immer spaßige Begebenheiten. Aber ich fühle mich ertappt: Wie oft habe ich schon seltsame Anekdoten von Interviews erzählt? Dabei sind das gar nicht MEINE Geschichten – sie gehören ganz den Schauspielern. Wir Filmjournalisten definieren uns aber nur darüber, was andere erschaffen, und, wie sich andere in Szene setzen. Wir haben keine eigenen Geschichten.
Die vorbeistürmende Frau vom Filmverleih reißt mich aus meinen Gedanken. Sie sagt: „Die Pressevorführung beginnt in zehn Minuten!“, und ist gleich wieder weg. Wir drei nehmen unsere einheitlichen Viennale-Taschen und schlendern Richtung Rolltreppe. Michael sieht auf die Uhr: „Da geht ja wirklich wieder der ganze Tag drauf.“ Karl stimmt zu: „Ich geh nach einer halben Stunde. Ich habe noch Wichtigeres zu tun.“
Wir trotten an einem riesigen Pappständer vorbei, welcher den Film bewirbt, der uns gleich gezeigt wird. Die PR-Kampagne verrät mir schon alles, was ich für meinen Job wissen muss. Deshalb werde ich ebenfalls nicht länger im Kino bleiben. Ich muss zwar eine Kritik schreiben, aber ich will den auch Tag nutzen. Im Kino erwartet mich nichts anderes als ein Remake eines Hitchcock-Thrillers, das nicht zugibt ein Remake zu sein. Auf diesen Satz lassen sich bereits 80 Zeilen Kritik aufbauen, ohne dass ich zusätzlich zwei Stunden verplempern muss.
Von der Rolltreppe aus erspähe ich ein Poster zu Darren Aronofskys neuem Film. Mir fällt etwas ein, was ich schon immer mal in eine Runde Filmkritiker fragen wollte.
„Erinnert ihr euch noch an REQUIEM FOR A DREAM?“
Karl und Michael nicken.
„Es gibt da so ein Stilmittel, das in diesem Film und auch in vielen anderen Filmen vorkommt, für das ich aber noch keinen Namen gefunden habe. Passt mal auf: In einer Anfangsszene sitzen Jared Leto und Marlon Wayans an einer Imbissbude. Ein Polizist kommt hinzu. Leto lugt auf die Pistole des Polizisten. Er grinst Wayans spitzbübisch an und zieht flink die Pistole aus dem Halfter. Dann werfen die beiden die Waffe hin und her. Hilflos versucht der Polizist an seine Pistole zu kommen. Plötzlich – ein harter Schnitt – Leto sitzt immer noch da und lugt auf die Waffe. Der Zuschauer weiß: Die Figur hat seinen Arsch nicht hochgekriegt. Alles hat sich nur in seinem Kopf abgespielt.“
Während Michael durch die Tür des Kinosaals geht, dreht er sich zu mir um und sagt: „Woody Allen macht das auch ganz gerne.“
„Genau. Aber, habt ihr einen kurzen prägnanten Namen für eine solche Szene?“
Beide zucken mit den Schultern.
„Ist auch egal.“
Karl und Michael nehmen in der ersten Reihe Platz, um schnell verschwinden zu können. „Bis irgendwann dann …“, verabschiede ich mich und gehe weiter hoch.
Als ich mich hinsetze, läuft der Film bereits. Die erste halbe Stunde vergeht für mich ohne jegliche Überraschung. Es gibt keinen Moment, den ich nicht schon anderswo gesehen hätte – keinen blöden Witz und auch keine spannende Szene. Trotzdem bleibe ich. Ich könnte gehen: Ich stelle mir vor, wie ich wild fluchend aufstehe und unter Applaus der anwesenden Kritiker den Saal verlasse – aber ich tue es nicht.
Schließlich ist der Film vorbei und ich sitze immer noch hier. Ich bin jedoch nicht der einzige, der es nicht hinausgeschafft hat. Draußen vor dem Saal treffe ich Karl und Michael – meine Kritikerkollegen, die ja eigentlich Wichtigeres zu tun hatten.
Mir wird eines klar: Es besteht zwar das Vorurteil, Filmkritiker würden sich die Filme nie ansehen und trotzdem ihre Verrisse schreiben. Dabei ertappt habe ich aber noch keinen von uns. Insgeheim wünsche ich mir sogar, so abgebrüht zu sein, um einfach gehen zu können. Immerhin habe ich schon zig Thriller gesehen. Der Film gerade hat mir nichts gebracht – außer Zeitverschwendung und leichten Kopfschmerzen. Karl und Michael müssen sogar noch mehr Thriller kennen als ich. Wieso sind sie geblieben?
Beim Hinausgehen aus dem Kino sprechen wir über den Film. Ich liste auf, was alles dramaturgisch nicht gestimmt hat. Karl bemerkt: „Der Streifen ist ja auch nicht für uns gedacht.“
Gemächlich spazieren wir durch das Einkaufszentrum, in dem sich das Kino befindet. Wir sagen zwar, wir hätten keine Zeit. Wir haben aber sehr viel Zeit – zu viel Zeit. Ein Filmjournalist zu sein, ist nicht anstrengend oder herausfordernd: Wir geben vor, dass wir Filme „lieben“, aber eine Begeisterung in dieser Größenordnung bringen wir gar nicht auf. Deshalb können wir auch keine Filme wirklich „hassen“. Würden wir Filme „lieben“, könnten wir eine Kamera bedienen oder hätten mindestens ein Dutzend Drehbuch-Entwürfe daheim in der Schublade liegen.
Nun stehen wir endlich auf der Straße. Wir quatschen immer noch über einen Film, der uns nichts bedeutet. In den vergangenen zwei Stunden hätten wir spazieren gehen können. Uns wäre vielleicht eine Idee für eine Kurzgeschichte, für einen Roman oder für ein Drehbuch eingefallen. Nichts läge näher, als dass wir Bücher schreiben würden. Unsere Filmartikel zu Büchern gebunden – das ergäbe bei Karl und Michael bereits ein ganzes Bücherregal. Ich brächte es auf ein oder zwei Bände. Eigentlich haben wir bislang noch nichts geschrieben. Wir „schreiben“ nicht, wir schreiben nach oder schreiben um – das war’s.
Karl verabschiedet sich und geht Richtung U-Bahn. Michael zündet sich eine Zigarette an. Er sieht zu den Fahrradständern hinter ihm und grinst.
„Mein Sattel ist noch da!“, und freut sich.
Darf ich vorstellen – das ist Michael: Ein Chefredakteur im Hawaiihemd, der mit dem Fahrrad durch die Gegend fährt. Er ist um ein paar Jahre jünger als mein Vater, wirkt aber wie ein ewiger Student. In 15 Jahren könnte ich genauso aussehen.
Ich will weg. Ich verabschiede mich und gehe über die Straße. Aus meiner Tasche ziehe ich einen Stift und einen Block hervor. Im Gehen beginne ich zu schreiben:
„Heute habe ich erkannt, was es heißt, von Beruf Filmkritiker zu sein. Filmkritiker erleben die Erinnerungen an ihre Jugend, an ihre Samstagnachmittage gemeinsam mit Freunden im Kino, jeden Tag aufs Neue. Sie sind konservierte Teenager.“ Ich bleibe kurz stehen, um mir meine Sonnenbrille aufzusetzen. Dann schreibe ich weiter: „Mancher würde nun sagen, Kritiker führen daher auch ein traumhaftes Leben. Wer möchte nicht für immer 22 Jahre alt sein? Wir haben immer Freizeit. Wir haben zwar Verpflichtungen, doch empfinden wir unsere Aufgaben nicht als Last. Wir sehen immer die gleichen drei Filme, nur mit wechselnden Schauspielern. Das hält Kritiker auch ewig jung, dementsprechend sehen sie aus. Wie könnten Filmkritiker altern? Sie riskieren nichts, sie bewegen sich nicht vorwärts. Filmkritiker machen es sich in einem Kinosessel bequem und bleiben ihr ganzes Leben lang darin sitzen.“
Ich lese mir das Geschriebene noch einmal durch, dann blättere ich an den Anfang meines Notizblocks und suche die Kurzgeschichten-Idee, die ich mir vor einem Jahr notiert habe.
Am 26. August 2007 um 21:42 Uhr Quote
Ein entlarvender, komischer und sehr wahrer Text, der mein Leben um den Austriazismus “aufliegen” für “ausliegen” bereichert hat.
Die Sezierung des Filmkritikerberufstandes ist nachvollziehbar und detailliert.
Sie ist so dicht, dass man auf die Erzählfunktion als Deuter der Diegese (3 Kritiker essen, schauen einen Film und gehen dann zu den Fahrrädern) angewiesen ist. Die Figuren entlarven sich nicht selber sondern werden von der Erzählfunktion entlarvt. Man ist als Leser auf den jungen Kritiker und seine Perspektive angewiesen, die geprägt ist von einer Desillusionierung seinem Berufsstand gegenüber.
Gleichzeitig scheint eine große “Liebe” zum Medium Film (die ja den Protagonisten letztendlich von der Filmkritik wegtreibt) aber auch Sympathie für die ewigen Kinosesselhocker durch. So entwirft der Protagonist ein sehr differenziertes Bild der kunstbewertenden Zunft, die zwischen Kommerzialisierung und Anspruch nicht vermitteln kann.
Im Sinne dieser Deutung wäre es natürlich sehr schön gewesen, wenn der Protagonist am Ende nach einer “Drehbuch-Idee” oder einer “Drehbuch-Szene” suchte und nicht nach einer Kurzgeschichte, wäre aber andererseits auch weniger subtil.
Den Titel halte ich für beliebig und austauschbar.
Das für den Moment, ich ergänze bestimmt noch das eine oder andere.
Am 27. August 2007 um 00:34 Uhr Quote
Bin gerade in einem Flashback zu Ken Park gefangen. Diese letzte Szene in der Sex zum Kommunikationsmittel wird und dann hinter dem utopistischen Träumen der drei Charaktere in den Hintergrund tritt, obwohl er, unignorierbar wie ein rosa Elefant in deinem Wohnzimmer, direkt vor dir sitzt? Großartig.
‘Tschilligung. zum Text: (das mit der Zitierfunktion muss mir bitte mal jemand erklären).
“Wir Filmjournalisten definieren uns aber nur darüber, was andere erschaffen, und, wie sich andere in Szene setzen. Wir haben keine eigenen Geschichten.” Schön, tragisch, ein Widerspruch in sich. ich bin interessiert! (aber bracuhts die Kommas vor und nach dem und? LUDWIG, zu Hülf!)
kurzer, prägnanter name für die Requiem For A Dream- Sache: El Condor Pasa (weil: “yes I would, if I could, I surely would”).
schreit mich spießer, aber zahlen bis neunundbeunzig sehen ausgeschrieben schöner aus…
ich finde den Satz “Wir „schreiben“ nicht, wir schreiben nach oder schreiben um – das war’s.” ziemlich zentral und weil er von der aussage her so wichtig ist, wird ihm sprachlich glaube ich nicht genüge getan. Auch die optische Hervorhebung (am Ende des Absatzes) schreit nach einer Prise mehr an sprachlichem je-ne-sais-quoi!
um der Klarheit willen könnte man “Filmkritiker erleben die Erinnerungen an ihre Jugend, an ihre Samstagnachmittage gemeinsam mit Freunden im Kino, jeden Tag aufs Neue.” in zwei Sätze aufteilen. Allerdings bin ich fast anal, was meine Fixiertheit auf kurze Sätze angeht. ich könnte also lügen.
das war’s erstmal von mir…
schlafen, jetzt!
Am 27. August 2007 um 00:39 Uhr Quote
nur so: braucht’s das mit dem “Kommentar muss erst noch freigegeben werden”?
Am 27. August 2007 um 14:03 Uhr Quote
Felix:
Sollte jetzt gehn!
Text:
Einsichten und wahre Worte übers Kritikertum. Vor allem der Aspekt der schleichenden Desillusionierung (vom Hobby zum Beruf bis hin zur „Einflussnahme“) kommt gut durch. Mich persönlich freut auch, dass klar wird, dass Filmjournalist nicht der Traumberuf ist, den sich alle Welt so vorstellt. Das wird auch schön und konsequent und tiefer gehend fortgeführt mit dem Bild über den Filmkritiker, der sein Leben lang im Kinosessel sitzen bleibt.
Auch der Einbau der Requiem For A Dream – Sequenz gefällt!
Nicht ganz einverstanden bin ich mit:
Christian wrote:
Wenn du meinst, dass Filmkritiker keine eigenen Geschichten schreiben und du damit auf die eigenen Geschichten des Protagonisten von später hinaus willst, Okay. Wenn du damit auf die Geschichte mit Renfro//Phillips anspielst ists unsauber, weil besagter Journalist die Geschichte ja schließlich erlebt hat. Muss klarer find ich.
Sonst find ich hätte man aus der kritikereigenen Überheblichkeit noch einiges machen können.
Am 27. August 2007 um 14:59 Uhr Quote
ich versuche das mal mit dem zitieren:
Felix wrote:
da fehlt ein Komma. ist aber nicht wichtig. was meiner Meinung nach wichtig ist: ich finds toll, wie subtil die Frage nach dem namen für die El Condor Pasa- Szene mit dem gewollten rausgehen aus dem Kino aber dann in echt doch sitzen bleiben korreliert.
aber vielleicht könnte man das für das subtilitätsblinde Leserschaf noch ein bisschen klarer machen.
Am 27. August 2007 um 17:11 Uhr Quote
Die “El Condor Pasa-Szene” kostet dich übrigens 5 euro für das Phrasen- und Anspielungsschwein, das ich gerade erfunden habe. Es heißt Elvis. Aber siehste, das mit der Bijou Phillips Frage hatte ich glatt übersehen
Am 27. August 2007 um 23:19 Uhr Quote
kann ich meine Schulden auch in Bier zahlen? Aber genug von Bier. über Bier zu bloggen kann einem ja fast den (unbezahlten) Job kosten, habe ich gehört.
und überhaupt! mir hier mal so hinterrücks mein wildes intertextuales Assoziationskunstwerk in Rechnung zu stellen!
Herr Vogel, sie sind mir schon einer!
Christian wrote:
finde ich auch! trotz der Kürze des Textes könnte man die Herren Filmzunftkritisierer noch etwas fetter gestalten, so was Charaktereigenschaften angeht…
Am 28. August 2007 um 23:20 Uhr Quote
Guten Abend, guten Abend!
Gleich vorweg: Entschuldigung für mein spätes Auftauchen, aber ich bin am Wochenende in zwei schwarze Löcher gefallen (Nummer 1: Feuerwehrfest auf dem Lande; Nummer 2: Ein 50.000 Zeichen langer Text, der sich gegen jegliche Überarbeitung sträubt).
Aber genug davon …
@ Sven: Danke für deine tief schürfende Analyse. Da fühl ich mich gleich wie ein echter Literat.
@ Christian und Felix: Danke für eure hilfreichen Kommentare.
Im Detail:
Christian wrote:
Ich muss zugeben, dass ich beim Überarbeiten des Textes genau den gleichen Gedanken hatte. Was für mich die Renfro/Phillips-Geschichte aussagt/aussagen soll, ist, dass der Kritiker während der Party die ganze Zeit daneben stand (also wiederum als passiver Beobachter), und sich letztlich irre darüber freuen konnte, dass er doch noch einen Statisten-Part bekam, nämlich durch die Frage, ob er Renfro gesehen habe. Dieser Satz “… hat MICH gefragt, ob ICH ihn gesehen habe …” sollte die Armseligkeit dieser Figur unterstreichen.
Ich denke mal, dass kann ich besser herausarbeiten.
Christian wrote:
Beziehst du dich da auf das Erzähler-Ich, die zwei anderen Kritiker oder alle drei?
Felix wrote:
Ja, da lässt sich noch einiges machen. Ist für die anstehende Überarbeitung vermerkt. (Auch die Komma-Fehler bzw. Unklarheiten bei der Komma-Setzung werde ich mir ansehen.)
Also denn … Back to the Drawing Board!
Am 29. August 2007 um 04:25 Uhr Quote
Hallo erstmal!
Zunächst: Sehr schön. Aussage ist m.E. relativ klar.
Ich frage mich nur, was man sprachlich (entschuldigt, ich bin sehr sprachgeil) aus diesem Text noch herausholen könnte, wenn man möchte.
Die filmischen Techniken sind hier und dort eingebunden, va. szenisch. Auch das Filmkritikertum, kommt charakterlich zur Geltung. Aber ich würde mich über ein Mehr davon freuen.
Ich meine z.B. wie schreibt ein Filmkritiker? Kann man dieses – ich sage mal – typisch attributive, farbenfrohe filmkritische sprachlich einbringen? Passagen, die derartig geschrieben wären, würden den Text m.E. vollständiger, vielleicht auch authentischer machen.
Oder könnte man die Szenen noch filmischer gestalten, um das Gefangensein in diesem Handlungsmuster stärker zu betonen, bzw. zu versprachlichen? Evtl. auch drehbuchartige Dialoge (Namen großgeschrieben voranstellen, einrücken, Text ohne Anführungszeichen). Das würde den Text graphisch auch noch etwas auflockern. (Die graphische Gestaltung innerhalb dieses Blogs ist natürlich etwas eingeschränkt – absatztechnisch, oder?)
Bis jetzt finde ich, plätschert der Text noch ein wenig dahin… z.B. Einleitung und Schluss. Die Einleitung ist eher “geplaudert” und das Ende “erzählt” – also m.E. nicht ganz stimmig.
Würde mich freuen, wenn man da noch etwas sprachlich feilen könnte – was natürlich auch nicht sein muss.
Das wars eigentlich schon! :-) Bitte nicht falsch verstehen, denn mir gefällt die Idee dieses Textes sehr gut und insgesamt ist er sehr gelungen, besonders die Szene des Sitzenbleibens gefällt mir ungemein. Aber auch hier, könnte man z.B. es erst so darstellen, als würde der Protagonist den Saal verlassen, anstatt zu schreiben:
LMB wrote:
Am 29. August 2007 um 04:27 Uhr Quote
Upps – da habe ich beim Zitieren gepatzt! Sorry…
Mir ist außerdem gleich noch etwas eingefallen, was meine Kritik zusammenfasst:
Der Text wirkt auf mich noch nicht “geschlossen”.
Danke nochmal
LMB
Am 29. August 2007 um 09:36 Uhr Quote
hat er Recht, der Herr Ludwig, in fast allen Punkten. Allerdings möchte ich dem letzten seiner Punkte
LMB wrote:
dann doch kurz gegensprechen. Wo? Inwiefern nicht geschlossen? Beispiele, derHerr!
Am 29. August 2007 um 13:49 Uhr Quote
Seh’n Sie, Herr D.,
als Bsp. eben Anfang und Ende – scheren einerseits stilistisch auseinander, andererseits steht der Anfang allein, recht alleine da – wer das versteht, dem hat’s der Teufel verraten! Also der Anfang ist isoliert, er ist eine schöne Einleitung für eine Geschichte über Filmkritiker, allerdings für jede beliebige Geschichte über Filmkritiker, der Link mit anderen Teilen des Textes fehlt mir, ob der nun voraus- oder rückblickend ist!
Am Ende knotet schon mehr mit dem Text, aber ganz am Schluss bin ich etwas verwirrt: Was bedeutet dieser Notizblock? Warum taucht er erst zum Schluss und ausschließlich dort auf? Keine Andeutung vorher? Auch dass die Idee vor einem Jahr aufgeschrieben worden ist, wirkt auf mich ein wenig willkürlich – gibt es einen Grund für dieses eine Jahr?
Es kollidiert für mich auch folgendes:
LMB wrote:
mit
LMB wrote:
Wobei mir auf auffällt, dass das evtl. Geschmackssache ist – mir ist der erste Satz ein wenig zu irreal dafür, dass er bereits eine Kurzgeschichten-Idee aufgeschrieben hat.
Dazu unpassend ist dann eben auch
LMB wrote:
…
Denke ich.. mir fällt auf, dass mir da ohnehin zu viel Konjunktiv ist… :-)
Mhhhh… und um es noch zu verdeutlichen: Am Ende der Text, der notiert wird – der ist mir zu ähnlich dem restlichen Textes – und trotzdem wirkt die Notiz ein wenig hochtrabend. Er kommentiert zwar nur – so viel ist klar, aber warum gerät er dabei in diesen Stil, der immernoch anekdotisch, aber doch künstlicher wirkt. Hier wäre mir auch ein klareres abheben vom Rest des Textes lieber. Ist zugegeben schwer, wenn die Aussage des Textes in dieser Deutlichkeit an dieser Stelle aufgelöst werden soll. Möglich aber schon – vielleicht wird es dann ein wenig subtiler, was ich allerdings nicht negativ fände. Es ist so ein Text über den Text im Text – wenn man mich versteht?
Achja… Ludwig? Das hat dir der Teufel verraten *aufstampfundimBodenversink*
Baba Ludwigsstilzchen.
Am 29. August 2007 um 14:54 Uhr Quote
Mein Herr!
ich pflichte heftig bei: Der Notizblock könnte vielleicht zu einem schönen, subtilen Symbol werden: Notizen im Kino, herzlose Hohlphrasen ohne Ende, pipapo, dann später: Umfunktionieren des Blockes zm Werkzeug introspektiver Selbstreflexion, danach wird der Block zum Weg nach Kunsthausen! das wäre doch schön! die Dreifaltigkeit des Kritikernotizblocks! jawohl!
zwischen Anfang und Mittelteil fehlt zugegebenermaßen der “Link”, aber ob es nun vor- oder rückblickend gemeint ist, finde ich nicht wichtig.
hier aber kommen wir in den Tiefen Sumpf der Interpretation, und hier fühle ich mich pudelwohl: Vielleicht versperrt die Unzufriedenheit es Protagonisten ihm selbst den Zugang zur Erinnerung an sein eigenes Schaffen, was sich dann in der Selbstreflexion, die ich nicht nur negativ sehe, sondern in der Tat sehr romantisch ( Zeitlich, Freunde, Kino, Samstag), auflöst: erst danach erinnert er sich daran, dass er ja garnicht nichts schreibt! das finde ich gut beobachtet, stellt sich die Erinnerung in meinem strammen Alter immer mehr als ein unzuverlässiges Wesen dar, dass nur all zu gerne von Emo-mäßigem Traurigsein gelenkt und beeinflusst wird!
Captain Irrealis sieht zuviel Konjunktiv? Dass ich das noch erleben darf! hehe.
und was den Stil der Notiz-an-sich-selbst (oha, eine Ryan Adams Referenz!) betrifft: natürlich wäre eine stilistische Abhebung schön, aber wir dürfen nicht vergessen, dass der Ich-Erzähler und der Autor der Notiz derselbe Mensch ist, deshalb ist die stilistische Ähnlichkeit, insbesondere die mit Anekdoten gespickten Einsichten, die sich durch den Text ziehen, alles andere als fehl am Platze.
Am 29. August 2007 um 15:17 Uhr Quote
Achja….
kann man in den Blog auch ne E-Mail-Benachrichtigung einbauen? Also sobald neue Texte bzw. Kommentare hier stehen? Wäre recht hilfreich um auf dem Laufenden zu bleiben!
LG
Am 29. August 2007 um 18:21 Uhr Quote
herr ludwig hat den weg gefunden!
und dank euch beiden schon brauch ich wieder ewigkeiten, meine gedanken zu sortieren.
kurz zu dieser text-geschlossen-geschichte, also ludwigs einwand “vom plaudern zum erzählen am schluss”. ich sehe da eher eine entwicklung. stilbruch, aber nicht unerwünscht. würde (interpretation, baby!) zur entwicklung der figur passen: abkehr vom kritikertum, hin zu eigenen geschichten. aber ich seh das “plaudern” am anfang eher als hinweis, dass der figur die kritikenschreiberei auf den geist geht. natürlich könnte man, um das alles deutlicher zu machen, mehr mit form + stil spielen, geb ich euch recht! aber übertreiben (drehbuchform zb) würde ichs nicht, wäre m.m.n. zuviel drumherum für einen doch recht kompakten text
den “text im text” hervorheben macht auch sinn!
Markus:
bezüglich überheblichkeit: jau, alle drei. jeder fühlt sich auf seine weise überlegen, jedenfalls lese ich das raus (auch wenn die hauptfigur sagt sie fühle sich nicht mehr überlegen, man liest ja raus dass sie es aus anderen gründen dennoch tut)
das würde auch den klischees über filmkritikern zuspielen, die du ja schonmal aufgreifst. überheblichkeit ist ja vielleicht mit das größte vorurteil ggüb. kritikern
und Ludwig nochmal:
RSS feed abonieren, da oben rechts. die kommentarabo-funktion ist noch nicht wirklich optimal, aber es wird
(memo an mich: ab sofort groß/kleinschreibung beachten)
Am 29. August 2007 um 19:06 Uhr Quote
und bei der Gelegenheit könnte man mir auch sagen, wo ich einen Feed-Reader finde, bei dem mir nicht die Augen rausfaulen wegen Unansehnlichkeit.
und das mit der Großschreibung ist mir auch ein Dorn im Auge. Aber man will sich ja profilieren!
Am 29. August 2007 um 23:20 Uhr Quote
Ja die Entwicklung sehe ich auch – aber dafür ist sie mir nicht entwickelnd genug…
Zu dem Einwand, dass Protagonist, also Schreiber der Notizen, gleichzeitig auch Erzähler ist: Ja. Sicherlich. Aber, dafür haben die Notizen schon wieder zu sehr ihren eigenen Stil, wie ich finde. Aber natürlich Geschmackssache.
Drehbuchform war eine kleine Idee… eigentlich nur für die Dialoge.. ist ja ohnehin dann mehr eine graphische Sache. Aber wie gesagt ein wenig mehr Spiel oder sagen wir Geplänkel mit der Sprache, fände ich erfreulich.
Nochmal kurz zu Einleitung-Schluss: Ich sehe diesen Punkt ein, aber es ist mir für den kompakten Text dennoch zu wenig Geschlossenheit. Dass die Geschichte offen bleiben soll ist nach außen hin klar, aber der Text sollte m.E. innerhalb seiner selbst geschlossen wirken.
Sonst vergeht der Text im ewigen Nebel der Gedanken und bleibt nur ein weiteres Molekül unter den anderen. Klare Konturen – ein Wassertropfen für sich, der wiederrum, der höhlende Tropfen sein kann; das würde mich freuen. Und dafür ist die Idee Stark genug: Raus aus dem Gewohnten, raus aus dem ewigen Kreis, hinein in die Entwicklung!
LG
L
Am 30. August 2007 um 14:31 Uhr Quote
Den Text habe ich aus einem Impuls heraus an einem Nachmittag runtergeschrieben und ein paar Monate später nochmal überarbeitet. Daher rührt vermutlich auch die Notwendigkeit bzw. die Möglichkeiten, daraus mehr zu machen. Zu diesem Zweck liefert ihr fruchtbare Anregungen, ohne die der Text wohl für alle Zeit in der Schublade liegen geblieben wäre.
Am 30. August 2007 um 15:01 Uhr Quote
Du kannst auch jederzeit Einfluss nehmen, indem du sagst, worüber du gerne noch reden würdest, was vertieft werden könnte, oder wann es nach deinem Empfinden genug ist.
Die Diskussion soll ja hauptsächlich dir und deinem Text was bringen.
Am 30. August 2007 um 16:23 Uhr Quote
darf ich noch kurz feststellen, dass sowohl der Text als auch unser aller Analysen mal echt groß waren? das funktioniert, das! find ich.
Am 30. August 2007 um 23:37 Uhr Quote
wie kurz feststellen?
Jeder darf hier alles sagen, so lang er will, ich mein bloß, der jeweilige Autor sollte ruhig lenkend in die Diskussion eingreifen, wenn er bestimmte Punkte vertiefen möchte. Ansonsten bin ich auch hin und weg von Text und Diskussion und heiß wie Frittenfett vor Vorfreude auf den nächsten Text.
Am 31. August 2007 um 00:04 Uhr Quote
ja ne! So sollte das jetzt bitte nicht klingen. groß und lang sage ich: Wir sind schon welche! Nicht als Gegenargument/Negativkommentar, sondern einfach so: das finden wir spitze!
Am 31. August 2007 um 05:35 Uhr Quote
Recht so!
Ich zitiere: “Texte sind wie eigene Kinder. Nur weil ein Kind krank ist, kannst du es nicht einfach weglegen. Du musst dich darum kümmern, damit es gesund wird.”
Huiui… im Nebel der Zeit ist mir der O-Ton leider abhanden gekommen. Das war von Herrn Gelbmann. Ungefähr! Sehr schön.
Ja ach… ehm… Nebel-Leben! Schwupp.
Lobanschluss und schönen Abend
L.
Am 2. September 2007 um 01:14 Uhr Quote
Gibt es eigentlich schon Pläne fürs das Nächste?
Und evtl. sowas wie eine “Erklärungspage” für Schaufensterkundschaft?
LG
LMB
Am 2. September 2007 um 02:39 Uhr Quote
@ Alle: Ich bin auch sehr zufrieden, wie die Diskussion gelaufen ist, und freue mich schon auf die nächste Runde.
Vorher hau ich mich aber noch aufs Ohr …
Am 2. September 2007 um 05:44 Uhr Quote
jawohl. schlafen. gute idee.
Am 2. September 2007 um 11:28 Uhr Quote
LMB wrote:
Wird es eventuell demnächst mal geben.
Aber mehr als “Hier gibt’s Texte, kann man lesen.” haben wir bisher nicht zu sagen.